Indian Pacific Blues

Ob es stimmt, dass alle Menschen geborene Nomaden sind? Wenn Bruce Chatwin Recht hat, wenn die Traumpfade der Aborigines vorgeben, was ein Mensch tun soll: reisen, dann bin ich im Moment meiner Bestimmung ein Stueck naeher. – Nein, jetzt nochmal ohne Kultursumsengeschreibsel: wir sind unterwegs, auf unserer letzten grossen Fahrt in Australien, per Transkontinentalzug.

Wir fahren nicht die ganzen 72 Stunden von Perth, aber immerhin fast 2000 Kilometer ueber die drei suedoestlichen Bundesstaaten, (auf der Karte gewissermassen der wuchtige Hintern Australiens): von Adelaide in Suedaustralien knapp ueber Victoria hinweg, diesmal ohne Obstschmuggelkontrolle an der Grenze, ueber das „Frontier“-Minenstaedtchen Broken Hill ueber endloses, immergleiches Buschland, schnurgerade, bis zur Ueberraschung der Blue Mountains und schliesslich Sydney.

Die ersten paar hundert Kilometer habe ich mich einem Einwohner Broken Hills unterhalten, einem massigen Anfangfuenfziger mit kurzrasiertem Schaedel und kurzen Hosen. Er ist fuer das Tourenwagenrennen nach Adelaide gekommen: am naechsten Morgen muss er wieder zur Arbeit, er arbeitet an Bauprojekten. Frueher war er Saenger, hatte sogar so etwas wie eine Karriere, zog von Ort zu Ort. In Broken Hill haben sie ihm Arbeit angeboten auf dem Bau. Und da stellte er fest, dass das genau das war, was er wollte: er ist da geblieben. Ich werfe ein: das ist ja wie in dem Witz, in dem der Sohn der Artistenfamilie nachhause kommt und sagt: ich will Buchhalter werden. Er grinst nur. „Am Ende kommt es doch darauf an, was einem liegt, oder nicht?“

Nicht, dass er Adelaide nicht mag; schon weil seine Tochter da lebt, und all das Duerre und Karge am Rand des Outbacks raubt ihm schon die Nerven. Einmal, da hat er einen Job bekommen an der Kueste, eine ganze Woche, er kam an und es regnete! „Am Anfang war ich gluecklich wie ein Kind“, sagt er, aber es hat einfach nicht aufgehoert zu regnen, und am Ende der Woche raste er zurueck in die Wueste, hielt beim ersten besten ausgetrockneten Tuempel an und dachte: wie schoen. Er ist schon zu lange da. In einem Ort, in dem die Ankunft des ersten MacDonalds vor zehn Jahren eine Zeitenwende markiert hat gegen frueher, als die Jungs schon mal die ganze Nacht durch nach Port Arthur gefahren sind auf einen Burger, fuer den Lacher. Uebrigens: anders als die Millionenstadt Adelaide gibt es in der Staubwueste von Broken Hill keine Wassersperren; jeder darf duschen, solange er will.

Bald hinter Broken Hill ging die Sonne unter, das war schoen, Nicole sah ein einzelnes Kaenguru davonhoppeln, dann wurde es oede und wir verliessen den Salonwagen. Wir schauten aus dem Abteilfenster in die Sterne, bis uns der Wein ausging, was in Australien gemeinhin gegen zehn passiert, und die Stewardess wollte die Betten fertig machen. Also schlafen, so gut es eben geht.

Als ich morgens Kaffee hole fuer Nicole und mich, werde ich von einer heute offenbar blendend aufgelegten Stewardess Meg gefragt, ob ich gut geschlafen habe. Diplomatisch: „Da muss man sich erst daran gewoehnen.“ Sie gesteht zu, dass diese Strecke durchs Hinterland von New South Wales eben besonders holprig ist. Und der Deutsche, der ich bin, verzweifelt mal wieder an den Australiern: was bitte ist so schwer daran, im 21. Jahrhundert einen Zug zu betreiben auf einer schnurgeraden Buschstrecke ohne jedes Hindernis? Der aber aechzt und keucht und tutet und quietscht, als waeren seine knapp hundert Kilometer Reisegeschwindigkeit wer weiss was fuer eine Leistung. Eigentlich muesste es auch moeglich sein, in diesem Zug Duschen einzubauen, bei denen man sich nicht mit dem Duschvorhang selbst jegliches Licht raubt und prinzipiell jedes Stueck Stoff in der Kabine mitwaessert. Sofas einzubauen, bei denen man nicht bis aufs Schotterbett durchsinkt (so schoen ich die Idee des Salonwagens finde). In diesem Zug Essen zuzubereiten, das eine Mahlzeit ist und kein Spottvers auf die Tiere und Pflanzen, aus denen es verkocht wurde. Aber dieses Festhalten an alten Unbequemlichkeiten haben die Aussies von den Briten. Immerhin hat es das Land, anders als England, inzwischen zu modernen Toastern mit „Cancel“-Tasten gebracht (vielleicht sind die postviktorianischen Monster, die ich noch aus Aber kenne, aber auch im Mutterland laengst Geschichte). –

Typisch auch die australisch-britische Unsitte, Hotelgaeste nachts zu fixieren – in so einer Art Mumienschlafsack mit einem zum Zerreissen gespannten Laken zwischen Bett und Schlaefer einerseits und der Decke andererseits. Praktisch fuer den Hotelier – da wandeln die aelteren Gaeste wenigstens nicht nachts auf den Gaengen herum. Wie sich die verwirrte Russin dann allerdings doch auf den Kabinengang schleichen konnte und uns um drei mit der Frage behelligen, ob bei uns auch nach siebzig Sekunden die Decke blinkt, vermag ich nicht zu sagen. Vermutlich hatte sie keine Kabine und wollte sich irgendwo eine leere erschleichen.

Zetern, Zetern, Zetern. Das ist natuerlich auch deutsch. Nicht umsonst sagen die Aussies statt „okay“ „No Worries“. Und tatsaechlich bringt uns der wunderbare Zug sicher und halbwegs ausgeruht nach Sydney. Ein zweites Fruehstueck im exzellenten schwulen Kaffee neben dem Hotel. Zwei Strassen weiter brodeln Szenekneipen und Stripbars. Auf den Strassen ueberall junge, ausgeruhte Backpacker. Sommerwaerme trotz Wolkenbruechen. Ein Kneipenessen im Biergarten. Die letzte Etappe unserer Australien-Tour hat begonnen. Ich will nicht wieder zurueck.

(Sydney, 28.2.08) – Fotos werden nachgereicht

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